Während meines gesamten Aufenthalts und auch jetzt habe ich die Entscheidung meines Aufenthalts nicht bereut, auch wenn es natürlich nicht immer leicht war, ich mit Sitautionen überfordert war und Fehler gemacht habe. Dennoch stellt der Aufenthalt eine einmalige Bereicherung für mich da. Mein Wunsch und Hoffnung ist es diese Bereicherung auch weiter- und zurückgeben zu können.
Nyadogolo - à bien tôt.
Samstag, 20.06.2009
Eine letzte Reise, diesmal nach Benin, die letzten Schulwochen und die letzten Erlebnisse in Togo, welche sich auch auf die zuletzt hochgeladenen Fotos beziehen werden, davon handelt mein letzter, in Togo geschriebener Bericht. Ein letztes Mal möchte ich darauf blicken, was um mich herum passiert und auf mich einwirkt, bevor ich von Deutschland aus in einem Abschlussbericht zurück blicke, um ein Fazit und eine Bewertung meines Aufenthaltes zu ziehen.
Feiertage
Am 27.04.1960 errang Togo seine Unabhängigkeit, heutzutage als Nationalfeiertag gefeiert, am 13.01.1963 wurde Togo die Ehre zuteil, als erstes Afrikanisches Land einem Militärputsch zu unterliegen. Die Machtergreifung Eyadéma Gnassingbés soll bis heute ebenfalls vom Volke gefeiert werden - für die Opposition ist es hingegen ein Gedenktag zu Ehren ihres gestürzten Präsidenten. Beide Ereignisse werden gleich gefeiert und beide Male schaute ich mir die Spektakel an, bei denen im ganzen Land große Aufmärsche von Schülern, Gewerkschaften, Arbeitervereinigungen und Organisationen stattfinden.
In Agou, meiner Dorfregion, bilden mehrere tausend Schüler aller umliegenden Schulen, von der Grundschule (ab der dritten Klasse) bis zum Lycee (Oberstufe), den größten Teil, denn für sie ist es eine Pflichtveranstaltung. In ihren einfarbigen Kaki-Uniformen sammeln sich die Schüler zunächst Schulenweise, um sich anschließend in kleinen Blöcken, nun nach Alter und Geschlecht sortiert, zu positionieren. Eine Marschmusik gibt den Takt vor, zu der mit weit ausholenden Armen und Beinen die Schüler ernsten Gesichtes im Gleichschritt vor der Préfecture (der lokalen Verwaltung) paradieren. Auch wenn es sich nur um wenige hundert Meter handelt, dauert alleine der Schülerzug über eine Stunde, danach schließen sich andere Gruppen an, von Soldaten, über Tanzgruppen, zu Schneidervereinigungen, Jägergruppen und zum guten Schluss den Moto-Fahrern, die verantwortungslos mit waghalsigen Stunts der Menge ihre Fahrkünste präsentieren. Aus dem zunächst paramilitärischen Aufmarsch wird somit schließlich eine Art Volksumzug bei dem bunte Kostüme präsentiert und die Zuschauer unterhalten werden. Die ganze Prozedur wird stets schon am Vortag geprobt und legt somit beide Male jeglichen Verkehr lahm.
Während meiner ersten Zeit in Togo, habe ich mich andauernd gefragt, wofür die vielen, irritierenden Straßenmarkierungen gut seien, die ich auch in Lomé vorfinden konnte, bis ich beim ersten Umzug ihren Nutzen als Orientierungsmittel der Marschierenden verstand. Mir, als Deutscher, muten sich die Aufmärsche leicht befremdlich an und auch wenn für viele Schüler es sich bloß um eine Unterrichtsfreie Pflichtveranstaltung handelt, lässt sich ein gewisser Stolz bei den Schülern erkennen, wenn sie geschlossen für ihre Schule vor allen auflaufen.
Inzwischen ist jeglicher Unterricht zu Ende, sowie alle abschließenden Examen, inklusive des BEPC (die Abschlussprüfung der 3eme) und des BAC (Abitur), welche als letztes anstanden. Was in Deutschland mit Zentralen Abschlussprüfungen erst nach und nach eingeführt wird, ist hier schon lange Gang und Gebe. Für das BEPC wurden alle betreffenden Schüler aus Agou auf die größten Schulen aufgeteilt, um dort ihre Prüfungen abzulegen. An meiner Schule, als die Größte, kamen so Schüler aus acht verschiedenen Schulen zusammen, während sich die Lehrer ebenfalls auf andere Schulen aufteilten, damit keiner weder seine eigenen Schüler beaufsichtigen, noch ihre Examen korrigieren konnte. Wie schon bei den normalen Examen, werden alle Fächer direkt hintereinander weg geprüft, sowohl morgens als auch abends. Nach einer Woche ist dann alles vorbei und die Lehrer machen sich an die Korrekturen, um sie schließlich der Préfecture einzusenden.
Den Moment der Notenverkündung werde ich leider nicht mehr mitbekommen, doch letztes Jahr haben angeblich 70% an meiner Schule das BEPC bestanden und in den anderen Jahrgängen wurden im Schnitt 50-60% in den nächsten Jahrgang versetzt. Auf den Privatschulen sollten diese Werte jedoch besser ausfallen, wo Wiederholungen eher Ausnahmen darstellen. Während meines Jahres wurde ich natürlich viel mit dem Togolesischem Schulsystem konfrontiert und denke einen Eindruck über seine Komplexität und Probleme gewonnen zu haben, die zuweilen so ähnlich und manchmal doch komplett anders sind, als in Deutschland.
Das Dahomey-Königreich
Da mein Unterricht schon sehr früh zu Ende war und ich zusammen mit meinem Kollegen schnell alle Noten eingetragen hatte, blieb mir nun doch noch die Möglichkeit ein drittes Mal zu verreisen. 6 Tage nach Benin, womit ich abschließend alle umliegenden Länder Togos einmal gesehen habe, ergaben eine entspannte Reise mit kurzen Distanzen zu bedeutenden geschichtlichen Orten West-Afrikas. Zu zweit, erneut mit Lennart, begaben wir uns zunächst nach Ouidah, eine kleine Küstenstadt, geprägt durch den Sklavenhandel mit den Europäern, weiter ging es über Cotonou, Benins große, trostlose, inoffizielle Hauptstadt und zuletzt reisten wir nach Abomey, wo wir Einblicke in die präkoloniale Geschichte Benins erhielten.
Ouidah wird mir stets als wunderschöne Kleinstadt in Erinnerung bleiben, welche einen Park im Zentrum zum Entspannen besitzt und dessen Straßen, meist gepflastert, wie so häufig in Benin, richtig vor Sauberkeit strotzen. Der Weg zum Strand führt über weiße Sandwege, vorbei an Palmwäldern und bildet die historische Sklavenroute, den letzten Gang, welchen die Sklaven, nachdem sie lange im portugiesischem Fort festgehalten wurden antreten mussten, um zu den Schiffen gebracht zu werden. Mit verbundenen Augen in langen Ketten gefesselt traten über 10.000 Sklaven über die Jahrhunderte hinweg diesen Weg an. Sie passierten den „Baum des Vergessens“, welchen die Frauen sieben-, die Männer neunmal umkreisen mussten, um so ihr altes Leben und ihre Persönlichkeit zurück zu lassen, bis sie schließlich zum „Point de non retour“ gelangten, den Ablegeort der großen Schiffe.
Ähnlich wie auch von Cape Coast in Ghana aus, wurden sie dort auf unmenschliche Art, für die dreimonatige Überfahrt eng gestaut, welche sie schließlich hauptsächlich nach Brasilien und in die Karibik, vorwiegend Haiti verfrachtete. Wer erkrankte oder die Fahrt nicht überlebte wurde vorzeitig von Bord geworfen und ertrank.
Durch den Sklavenhandel entstand unweigerlich eine Vermischung der Kulturen, die Sklaven begannen ihre Voodoo-Religion auch in der neuen Welt auszuüben, sie praktizierten weiterhin ihre Tänze und spielten ihre Musik. Als nach der Sklaverei, viele ehemalige Sklaven zurück kehrten brachten sie wiederum einen Teil der Südamerikanischen Kultur mit und so konnten wir einige Male abends in Bars beninsche Samba-Musik hören.
Weiterhin, auch wenn Benin ebenfalls unter französischer Flagge stand, so war dennoch der Portugiesische Einfluss sehr stark und in Ouidah wurden einige Viertel bis zur Unabhängigkeit von den Portugiesen verwaltet.
130km weiter nördlich führte mich die ebenfalls kleine Stadt Abomey noch weiter zurück in der Geschichte Benins, welches auch erst mit der kommunistischen Revolution 1976 seinen alten Namen „Dahomey“ änderte. Wenn ich mich nach der Geschichte Togos erkunde, beginnt jeder stets bei der „so erfolgreichen“ Kolonisation durch die Deutschen, was davor war, weiß niemand und interessiert auch niemanden.
Die Geschichte Benins wird in Abomey, dem Hauptsitz des Dahomey-Königreiches ab 1645 mit der Ernennung des ersten Königs und der Errichtung seines Palastes festgehalten. Ab dann folgt eine lange Erbfolge von 11 Königen, die getreu ihrer Kultur jedes Mal einen neuen eigenen Palast errichten ließen, welche noch heutzutage über ganz Abomey verteilt zu besichtigen sind. Seit einigen Jahren werden die Überreste mit Hilfe europäischer Gelder restauriert und die jüngsten und gleichzeitig einzig komplett erhaltenen, sind nun als Museum zu besichtigen. Hierbei handelt es sich um weite Höfe, in denen geschützt durch hohe und dicke Lehmmauern kleine Tempel und Hallen stehen. Neben den großen Holztüren sind oft kunstvoll buntbemalte Symbole des jeweiligen Königs eingelassen, als da wären ein Löwe, zwei Hände, die ein Ei halten oder ein Hund. Das damalige Dahomey-Reich, welches einen Grossteil des heutigen Benins, sowie Teile Nigerias und Togos einnimmt, war das Mächtigste in der Region und hat auch stets versucht dies zu bleiben.
Die Museen informieren über eine sehr brutale und hierarchische Geschichte, wo der König eine unantastbare Position einnahm und ständig nur darauf bedacht war seine Macht zu präsentieren und zu vergrößern, so war ein Leitgedanke, übergebe dein Königreich stets größer, als du es vorgefunden hast. Ein besonders starker König führte demgemäß innerhalb seiner 40-jährigen Amtszeit jedes Jahr Krieg gegen benachbarte Reiche, welche er auch ausnahmslos gewann. In seinem Palast ist unter anderem sein Thron ausgestellt, welcher errichtet auf den Schädeln vier gegnerischer Chefs, alle anderen Throne bei weitem überragt. Jegliche Regelverstöße wurden per Köpfung bestraft und ein Tempel wurde mit dem Blut getöteter Feinde errichtet. Als irgendwann die Männer für den Krieg knapp wurden, führte besagter König die Armee der Amazonen ein, welche als starke und unerschrockene Kriegerinnen in den späteren Kriegen gepriesen wurden.
Im 19. Jahrhundert erschien mit den Franzosen, die ein Protektorat mit einem benachbarten Königreich unterzeichneten und als Verstärkung Senegalesische Truppen mitbrachten, ein neuer Kontrahent. Lange Zeit hielt das Königreich der Besatzung der Franzosen stand, bis sich schließlich der letzte König Behanzin, 1984 ergab. Der Name „Dahomey“ sollte jedoch wie gesagt noch die Kolonisation und die Unabhängigkeit überdauern.
Bei den Museumsbesuchen trafen oft zwei verschiedene Auffassungen von Besichtigungen aufeinander. Wir, zumindest was die Geschichte Dahomeys betraf, als komplett Ahnungslose brauchten erst einmal eine gewisse Zeit um die gegebenen Informationen einzuordnen und zu verstehen und hätten uns gerne die ausgesprochen gut und ausführlich aufgebauten Ausstellungsstücke und Tafeln in aller Ruhe angeguckt. Jedoch wurden die Besuche stets durch einen Führer geleitet, der in einer vorgegebenen Zeit, sein Programm in seinem Tempo durchzog. Auch die Führungen waren zumindest meist informativ und interessant, doch wenn wir uns etwas länger als vorgesehen einer Tafel widmeten wurden sie gleich unruhig und als wir nach der Führung noch mal in einen Saal zurück wollten, wurden wir mehr oder weniger freundlich hinausgebittet, die Führung sei vorbei. Schade, da wir so, die eigentlich guten Museen leicht verärgert und teilweise immer noch unwissend verließen.
Bei einer Stadttour mit unserem kenntnisreichen Hotelbesitzer wurden uns dafür auf einfacher afrikanischer Erzählungsart, mit Hilfe viel direkter Rede, die verschiedenen Stationen erneut erklärt und so haben sich letztendlich die einzelnen Informationen doch noch puzzelartig zu einem schlüssigen Gesamtbild gefügt und mir endlich eine Idee gegeben wie dieser Teil Afrikas vor der Ankunft der Weißen ausgesehen hat.
Zurück in Togo bin ich nun mit den letzten Vorbereitungen für die Abfahrt beschäftigt, ein letztes Treffen mit meinen Lehrerkollegen, ein letztes Mal nach Kpalimé, viele Souvenirs kaufen und einfach die letzten Tage mit der Familie genießen. Noch ist es zu früh für mich zurück zu blicken und irgendwie ist es auch schwer zu realisieren, dass diese Tage die letzten sind, da sie für mich Alltag geworden sind und ich mir nicht mehr wie ein Tourist im Urlaub vorkomme, wenngleich ich als Weißer stets die Rolle eines Besuchers einnehme.
Viele Grüße aus Kpalimé,
nyadogolo,
Robert
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