Freitag, 29. Mai 2009

7. Bericht: Assalam 'aleikoum

Zwei fremde Länder und deren Hauptstädte innerhalb einer Woche, so sahen für mich die Osterferien aus. Mit dem Niger und Burkina Faso bin ich in den Norden bis in die Sahelzone vorgestoßen. Die Sahelzone ist das Gebiet zwischen der Sahara und dem nicht mehr wirklich existierenden Regenwald, die Region, in der ich gerade Lebe.

Die jeweiligen Hauptstädte, in denen ich ausschließlich Rast gemacht habe heißen Niamey (Niger) und, es gibt eindeutig keinen schöneren Namen für eine Hauptstadt, Ouagadougou (Burkina Faso), welche mich beide schwer beeindruckt haben.


Die Reise


Eine Busfahrt, die ist lustig


Diesmal trat ich die Reise fast ausschließlich mit großen Reisebussen an, die in einem deutlich besseren Zustand sind, als die klapprigen Buschtaxis. Doch auch sie bestanden immer aus 5 Sitzen pro Reihe und waren somit immer noch nicht so bequem wie übliche Reisebusse aus Deutschland. Über Benin ging die Hinfahrt, über Togo die Rückfahrt und gerade die Straßen in Togo haben nicht gerade das allgemeine Wohlbefinden gesteigert, so dass nach 24 Stunden Fahrt jeder einzelne Knochen wehtat. Allgemein war auffällig, dass Togos Straßenvernetzung die Schlechteste ist, so überzeugen die anderen Länder durch große Kreisverkehre, durchgehende Straßenmarkierungen und größtenteils schlaglochfreie Straßen und auch die Städte Niamey und Ouaga verfügen über große, breite Straßen, über die recht flüssig der Verkehr fließt, während von Lomé dies nicht zu behaupten ist.

Insgesamt musste ich während der Reise vier Grenzen passieren, was trotz Entente-Visum (5 Länder-Visum für Benin, Burkina Faso, Côte d’Ivoir, Niger und Togo) leider nicht so einfach geht wie innerhalb der EU. Die Prozedur ist an sich immer die Selbe, zunächst muss die Ausgangskontrolle passiert werden, dann folgt der eigentliche Grenzübergang zur Eingangskontrolle im nächsten Land bis nach ein paar Kilometern der Zoll auf einen wartet.

Als Weiße mit offiziellem Visum mussten wir meistens ein Formular mit persönlichen Angaben ausfüllen – inzwischen kann ich meinen Reisepasscode schon auswendig – und uns der Gemütslage der jeweiligen Beamten anpassen, um den jeweiligen Stempel zu bekommen, der wahllos irgendwo in den Pass gehauen wurde. Probleme gab es jedoch nie und wenn alles ausgefüllt war konnten wir passieren. Die „besten“ Grenze hat dabei eindeutig Burkina Faso, wo der zuständige Offizier selbst nur die nötigsten Informationen notiert und einen freundlich durchlässt, kein krampfhaftes Erfinden irgendeines festen Wohndomizils im Reiseland und der Name des Vaters ist ebenfalls unwichtig.

Die meisten Afrikaner kommen immer anders über die Grenze, zwar sollte ein Pass vorhanden sein, aber anstelle eines Visums wird meistens irgendein Handbetrag verlangt, es wird sich etwas aufgespielt und nach einem bisschen Verhandeln geht es weiter. Was genau die Bedingungen sind weiß ich nicht, nur dass beim Visumsschalter wir stets recht alleine waren.

Jedenfalls sind die Busfahrten auch eine weitere gewonnenen Erfahrung, das durchgehende erklingen orientalischer Musik, eine zweistündige Rast um 1 Uhr Nachts, wo sich alle Passagiere für ein kurzes Nickerchen in den warmen Sand legten oder das stressige Straße-zu-Fenster-Handeln von Wasser oder Obst, wenn der Bus in einem Dorf mal kurz zum Stillstand kam.



Die Landschaft


Vom Bus aus konnte ich gut die Veränderungen der Landschaft beobachten, wie das dichte, saftige grün langsam wich, große eindrucksvolle Felsformationen zum Vorschein kamen, die Gegend immer lichter wurde bis schließlich ein kräftiges Gelb die dominante Farbe wurde. Während der letzten Kilometer passierten wir weite Dornbuschsavannen, ein staubiges, karges Land mit einzelnen trockenen Büschen und nur vereinzelt Zivilisation. Ab und zu säumten kleine, runde Lehmhäuser die Straße, welche mit Stroh abgedeckt und durch Mauern zu einem Hof zusammengeschlossen wurden. Häuser auf ca. einem halben Meter hohen Stelzen und umschlossen von Dorngestrüpp-Zäunen dienen als Vorratskammern und werden daher vor Tieren geschützt. Im Norden Togos und Benins vermischen sich diese Hofstrukturen mit den für mich gewohnten rechteckigen Wellblechhäusern und geben so eine Mischung zwischen traditioneller und „moderner“ Wohnform wieder.



Niger


Irgendwelchen Statistiken nach, ist der Niger das ärmste Land der Welt. Ein Viertel der neugeborenen Kinder erreicht nicht das fünfte Lebensjahr, eine Frau bekommt im Durchschnitt 7,9 Kinder und 40% von ihnen das erste mit 17 Jahren und auch Polygamie ist durchaus noch verbreitet. Die Alphabetisierungsrate von Frauen liegt bei 7%, von Männern bei 21%.1

Zu diesen Angaben kann ich kein wirkliches Urteil abgeben, da ich bis auf die Fahrten nur die Hauptstadt Niamey sah, die sich deutlich vom ländlichen abhebt und die auf mich keineswegs „arm“ wirkte.

Weiterhin sind 90% der Bevölkerung muslimisch, Staat und Kirche sind jedoch klar von einander getrennt. Für seine guten, stabilen, demokratischen Verhältnisse wurde der Niger zuletzt von der EU „belohnt“, indem sie offensichtlich die Straßen ausbessern ließ. Was die Regierungsverhältnisse angeht, wird somit der Niger auch als Musterland für vergleichbare Staaten gehalten.


Niamey


Mein erster Eindruck von der 800.000-Einwohner-großen Hauptstadt war sauber, geräumig und ruhig, welcher sich bis zur Abfahrt auch nicht groß geändert hat, allerdings habe ich auch hauptsächlich nur schöne Viertel gesehen habe.

Wie in jeder Hauptstadt, so finden sich auch in Niamey an breiten Straßen große Banken, Regierungsgebäude, Militäreinrichtungen, Botschaften und natürlich schöne Märkte. Die Ordnung des großen Marktes war mir neu, da bisher Märkte hauptsächlich ein großes Gewusel für mich bedeutet haben. Hier jedoch bestand der Markt aus einem Gebäudekomplex, in dem die einzelnen Läden und Stände ordentlich nebeneinander standen und man stets ausreichend Platz um sich herum hatte – aber damals habe ich auch noch nicht den Markt in Ouagadougou gesehen.

Alle Märkte, die ich bisher besucht habe, verbindet ein gewisses Eigenleben und doch weisen sie gerade in den verschiedenen Regionen auch Unterschiede auf, so dass sie stets eine Sehenswürdigkeit der Stadt ausmachen. So konnte ich dort andere Produkte finden, anderes Gemüse, Duftstäbe und Steine, handgewebte Stoffe, doch das Beste waren eindeutig Kartoffeln, Rindfleisch und Joghurt!

Die größten Wirtschaftszweige sind der Handel mit den Küstenländern, wie Togo, die Viehzucht und der Ackerbau, welcher sich allerdings hauptsächlich auf Hirse beschränkt, viel mehr wächst nun mal nicht mehr.

Die Viehzucht gibt dem Land andere Möglichkeiten, nicht nur anderes Fleisch, sondern auch Milchprodukte, welche ich in Togo so schmerzlich vermisse. Joghurt und Milch in Tüten sind in jeder kleinen Boutique erhältlich, so dass ich mir bei den heißen Temperaturen stets einen kühlen Bananen-Milchshake gönnen konnte.

Das Nigersche Handelsgeschick lässt sich wiederum gut in Togo wieder finden. Befrage ich ein paar Händler mit untypischer Ware, woher sie kommen, so zeigt sich oft, dass sie eigentlich aus dem Niger stammen.

Der nicht vorhandene Meeranschluss, ist für viele ein großes Hemmnis, was jedoch nicht heißt, dass kein Wasser vorhanden ist. Der Niger als Fluss fließt, aus Mali kommend, quer durch den Südwesten des Landes und weiter nach Nigeria und ist insgesamt Afrikas dritt-längster Fluss. Schifffahrt ist auf ihm zwar nicht möglich, doch die Ufer dienen unendlich weiten, schön ausgelegten Feldern, auf denen Salat, Kräuter, Obst und Gemüse angebaut wird. Der Fluss selbst dient zusätzlich zum Fischfang und in Niamey außerdem als Freizeitort, da er auch zum Schwimmen bestens geeignet ist. Etwas außerhalb soll es außerdem noch Krokodile und Hippos geben, mir sind jedoch keine begegnet.

Dafür wurde ein Giraffen-Ausflug sehr erfolgreich, womit ich endlich die ersten großen Tiere Afrikas, abgesehen von einem verirrten Elefanten in Ghana, zu Gesicht bekam. Mit einem einfachen 4-Rad-Antrieb heizten wir hierfür quer durch die staubige Savanne und bekamen so auch mehrmals Tiere zu sehen, wie sie unter hohen Akazienbäumen Nahrung und Schatten suchten. Bis auf wenige Meter konnten wir uns den kleinen Gruppen vorsichtig nähern, die meist in kleinen Familien von 2 bis zu 8 Mitgliedern umherzogen. Eindrucksvoll war auch die komplette Stille, welche uns in der Savanne umgab, kein Ton, kein Wind, kein Insekt und auch kein Vogel waren zu hören und auch die Giraffen selbst bewegen sich fast völlig lautlos vorwärts. Sie traben dabei höchst elegant und für den langen Körper erstaunlich gut koordiniert und selbst aufgeschreckt kommen sie blitzschnell vom Liegen auf die Beine. Bei den Giraffen handelt es sich um die insgesamt letzten 200 Tiere in ganz Westafrika, die noch frei leben und nun dort geschützt werden. Dieses traurige Bild gilt übrigens für fast alle großen Tiere in diesem Landstrich, auch hier hat der Mensch viele verjagt, ausgerottet und die natürlichen Lebensräume zerstört.


Doch zurück nach Niamey und den Menschen dort, deren Alltag mir ebenfalls einige neue Eindrücke verschafft hat. Außerhalb des Hauses, in der Stadt, gehört es sich stets lange Hosen zu tragen, beziehungsweise lange Kleider und Gewänder. Weiterhin tragen viele Frauen Kopftücher, jedoch äußerst schick und stilvoll, in Varianten, wie sie mir völlig neu waren, gleiches gilt für ihre Gewänder. Aus dem Norden des Nigers stammt das Volk der Tuareg, ein sehr stolzes Volk, welches durch eine hellere Haut und die traditionellen Turbans auffällt.

Lange Kleidung ist ferner gar nicht unvorteilhaft, da es tagsüber so heiß wird, mit Temperaturen über 45° bis fast 50°C, dass der Schweiß direkt verdunstet und man stets eine trockene Haut hat, im Gegensatz zu Togo, wo ich bei weit geringeren Temperaturen viel mehr schwitze. Zusätzlich musste ich mich mit meiner weißen Haut besonders vor der Sonne in Acht nehmen, was durch lange, leichte Kleidung am besten möglich ist und zu guter Letzt muss stets darauf geachtet werden, dass der Wasserhaushalt im Körper nicht vernachlässigt wird.

Wasser ist glücklicherweise überall vorhanden und in Niamey kann es sogar problemlos direkt aus der Leitung getrunken werden, wovon in anderen Städten eher abzuraten ist.

Jeden morgen wecken einen gegen 5 Uhr morgens die Mullahs mit ihrem Gebet und läuten den Tag ein. An sich gehen die Leute fünf Mal am Tag beten, jedoch wird dies auch unterschiedlich streng eingehalten. Allerdings kommt es so öfters vor, dass ganze Straßen für kurze Zeit still liegen, da zusammen in der Gruppe gebetet wird. Gegessen wurde, wo ich lebte, stets zusammen aus einer großen Schale, in die alle mit möglichst ihrer rechten Hand langten, um so Hirse, Reis oder Pommes zu essen. Getrunken wird gerne grüner Tee, der bei insgesamt drei Aufgüssen sehr stark und mit viel Zucker aus Pinnchen getrunken wird. Diese Koffein-Bomben rütteln einen stets sofort hellwach und geben Kraft, für was auch kommen mag.



Burkina Faso und Ouagadougou


Von allen Städten, die ich bisher sah, ist Ouaga eine der schönsten. Die nun von Niamey aus etwas südlicher gelegene Stadt wirkt direkt viel „moderner“ und auch europäischer, als die Hauptstadt Nigers. Die Plätze sind noch etwas größer, die Straßen noch breiter und manchmal kam ich mir echt nicht vor, in erneut einem der ärmsten Länder der Welt zu sein.

Besonders der Markt sticht hier, wie so oft hervor. Eigentlich habe ich den Markt gar nicht wirklich mitbekommen, sondern ihn nur zwei Wochen vor seiner Wiedereröffnung besichtigt. Im Jahre 2003 brannte der alte Markt ab und wurde darauf mit moderner Architektur wiederaufgebaut um das traditionelle Handeln weiter zu ermöglichen. Das Marktgebäude oder besser gesagt der Marktkomplex, besteht ausschließlich aus Beton, Mauern und Stahl. Er ist zweistöckig angelegt, mit einem großen Dach bedeckt und die Stände bestehen aus kleinen Garagenschuppen, die in langen Reihen angelegt sind. Markierungen auf dem Boden trennen zwischen Fußpassagen und Verkaufsfläche. Jeder Stand ist sorgfältig nummeriert und an den Wänden hängen unzählige Feuerlöscher, so schnell sollte hier nichts mehr abbrennen. Als wir da waren, belegten riesige Putzkolonnen die Flure, um die letzten Vorbereitungen zu treffen und manche kunstvoll gearbeitete Wände ließen erahnen, dass andere auch noch so aussehen sollen. Erst einmal eröffnet, wird er bestimmt zu einem der best-organisiertesten und modernsten Märkte West-Afrikas gehören.

In Ouaga fanden wir ein ausgeprägtes Nachtleben wieder, viele Bars und Restaurants waren bis spät in die Nacht geöffnet. Doch auch aufdringliche „Künstler“, die im Niger eher selten waren, trafen wir hier in besonders hartnäckigerweise wieder. Sehr lobenswert war dagegen das Modell eines „Kunsthandwerkerdorfes“, das aus vielen kleinen Boutiquen bestand und welches Verhaltensregeln für die Verkäufer vorsah. Diese besagten, dass Besucher möglichst ungestört und in Ruhe die Möglichkeit haben sollen, sich alles anzugucken, wodurch ich letztlich auch eher etwas gekauft habe, als wenn man mir jedes einzelne Objekt angepriesen hätte. Auch kulturell hat Ouaga einiges zu bieten, wie das „Fespaco“, ein Filmfestival, welches 2009 sein 40-jähriges Bestehen feiern konnte oder ein Freilichtkino, welches wir abends einmal besuchten.

Für die kurze Zeit lebten wir etwas außerhalb bei Freunden, wo die Behausungen auch wieder ärmlicher wurden, Strom und Wasser jedoch immer noch vorhanden war.

In der Nähe gab es eine große Müllhalde neben einem kleinen Friedhof, bestückt mit ein paar armseligen Gräbern, darunter ein duzend Betonklötze bemalt mit der Flagge des Landes in rot, grün mit gelben Stern und den Daten 21 decembre 1949 – 15 Octobre 1987: das Grab Thomas Sankaras und seiner Leibwächter (Lebenszeit), des ehemaligen Präsidenten (1982-1987) des Landes. Als revolutionärer Präsident hat er viele sozialistische und umwerfende Reformen beschlossen, wie eine Marathon Impfung innerhalb von 15 Tagen, in der 60% aller Kinder gegen Gelb Fieber, Meningitis und Masern geimpft wurden oder die Kürzungen der Ministergehälter um 25% und außerdem verschrieb er sich entschlossen dem Kampf der Korruption. So wurde unter ihm erst der Name Burkina Faso eingeführt, was so viel heißt wie „Land der Unkorrupten“. Eine gewisse Unbeliebtheit erlangte er jedoch bei den Reichen und Mächtigen und so wurde er, wie konnte es anders sein, von seinem engsten Vertrauten durch Mithilfe von Frankreich und anderen Ländern gestürzt. Von der aktuellen Regierung wird er als Verbrecher dargestellt, während er für andere ein Idol ist und in Liedern besungen wird. Sein erniedrigendes Grab wird somit dennoch fortwährend, von wem auch immer, in frischen Farben gestrichen und gepflegt.


Zwar war es schade, dass ich nichts vom Land gesehen habe, da ich nun ein zu reiches und entwickeltes Bild von den Ländern haben werde, doch die beiden besuchten Städte waren den Besuch alle Male wert und ich würde gerne wiederkommen, gerade wenn ich an das dreckige und enge Lomé denke, wo ich es nie länger als nötig aushalte.


Viele Liebe Grüße zurück aus Togo,

Robert

1 Angaben aus dem Lonely Planet „West Africa“, 2006

1 Kommentar:

NIGER1.COM hat gesagt…

WWW.NIGER1.COM