Doch, ich bin es mal wieder, nach gut anderthalb Monaten ist es mal wieder fällig. –
Nein, ich rede nicht von meinem eigenen Bericht, sondern gebe nur die Begrüßungsworte in meinem Stammeskrankenhaus wieder, wo ich bereits bestens bekannt bin und stets aufs herzlichste begrüßt werde.
Mindestens genauso freundlich grüße ich alle und melde mich nach einer etwas längeren Pause.
Wie schon erahnt möchte ich mich diesmal mit dem Togoischem Gesundheitssystem und meinen, ihm gegenüber gemachten, persönlichen Erfahrungen auseinandersetzen.
Alors, comment ca va? – So geht es beim Doktor weiter und eigentlich gibt es auf die Frage, wie es einem geht, nur zwei Antworten: ca va bien (- Mir geht’s gut) oder ca va un peu (wörtl.: es geht ein bisschen), was soviel heißt wie, mir geht’s überhaupt nicht gut.
Allmählich findet der Wechsel zwischen Trocken- und Regenzeit wieder statt, in dem hin und wieder große Regenbrüche heranziehen. Meistens beginnt alles mit einem bedrohlichen Zusammenziehen der Wolken, gefolgt von Orkanartigen Winden, die durch lautes Tosen die Heranziehenden Wassermassen ankündigen. Wenn man es rechtzeitig nach Hause geschafft und die Wäsche reingeholt hat, kann man danach entspannt die vorzüglichsten Duschen unter der Regenrinne genießen und spart sich den Gang zum Brunnen um Wasser zu holen.
Zu dieser Jahreszeit kommen auch bestimmte Früchte in Massen auf die Märkte und den Tisch. Am größten Vertreten sind Avocados, gefolgt von Annanassen und auch Mangos, die nach und nach reifer werden, während Bananen es das ganze Jahr über zu geben scheint.
Das zweite Trimester läuft nun ebenfalls ihrem Ende entgegen und wir müssen mal wieder fleißig unsere Noten erstellen und gleichzeitig versuchen einen möglichst flüssigen Wechsel hin zu bekommen.
Die Einheit „Seilklettern“ ist zum Glück vorbei, denn sie ist eindeutig die unbeliebteste Disziplin unter den Schülern und erbrachte bisher auch die meisten schlechten Noten. Nebenbei ist sie auch nicht ganz ohne, da es keinerlei Absicherungen gibt und das Seil selbst, durch Hochlettern an einem Betonrahmen jeden Tag neu montiert werden musste. Die darauf folgende Disziplin, Kugelstoßen, welche ich mir erneut zunächst selbst aneignen musste, verlief wesentlich besser - gerade bei den Problemfällen des Kletterns.
Fußball
Die großen schulischen und sportlichen Ereignisse der letzten Monate spielten sich jedoch nicht während des Unterrichts ab, sondern danach. Es handelt sich um das große Agou-Interne Fußballturnier, in dem die verschiedenen Collèges gegeneinander antreten. Seit Januar oblag dem Team und seiner Vorbereitung jegliche Priorität, es ging um die Ehre der Schule. Die besten Spieler mussten ermittelt werden und einmal bestimmt durch regelmäßiges Training auf den nächsten Gegner vorbereitet werden. Eigentlich Aufgabe des Sportlehrers.
Ein anderer, sehr engagierter Lehrer nahm sich der Aufgabe hauptsächlich an und auf mich fiel die Aufgabe des Assistenten, mehr konnte ich auch beim besten Willen nicht leisten.
Nicht selten stieß so in letzter Zeit, deutsches Pflichtbewusstsein auf Togosche Ehre. Die Spieler kamen so gut wie gar nicht mehr zum Unterricht und die Zeit und den Ort der Sportstunden konnte man eigentlich auch viel besser zum trainieren nutzen. Ich kam mir da schon ziemlich spießig vor, als ich auf meinen Unterricht bestand und argumentierte, es würde noch siebzig Andere in jeder Klasse geben und mit denen wolle ich ein Programm zu Ende führen.
Irgendwie arrangierte man sich jedes Mal und umso öfter ich mit dem entsprechenden Lehrer in die Quere kam, umso besser verstanden wir uns anschließend.
Die Spiele selbst sind jedoch erst die richtigen Highlights und die ganze Vorbereitung jedes Mal auch wert. Es handelt sich hierbei nicht um irgendwelche banalen Schülerkicks, sondern um richtige Großereignisse. Die Schulen haben alle ihre eigenen Trikots, für jeden Schüler wurde eine eigene Spielerlizenz mit Passfoto erstellt, es kommt stets ein komplettes Schiedsrichtergespann, welches nicht aus irgendwelchen Lehrern besteht, sondern aus ausgebildeten Unparteiischen, ebenfalls einheitlich gekleidet, die zu jedem Spiel einen kompletten Spielbericht zum Schluss ablegen. Das allererste Spiel meiner Schule wurde beinahe abgesagt, weil es keine ausreichende Markierung auf dem Spielfeld gab.
Veranstaltet wird alles von der Prefecture und dem „Sport und Jugendministerium für die Region“, die im Grunde auch für mich zuständig sein sollten. Es wird jedenfalls bei jedem Spiel Eintritt genommen und die Spiele sind auch stets gut besucht. Während somit Ordnung und System auf dem Feld herrscht, findet auf den „Rängen“, also neben dem Platz, die größte Party statt. Mit unermüdlicher Kondition singen die Mädchen der jeweiligen Schulen alle bekannten Lieder rauf und runter und feuern somit tanzend und feiernd ihr Team an. Anstelle von großen Trommeln wird auf einfache Plastikkanister gehauen, die ihre Funktion mindestens ebenso gut erfüllen.
Meine Schule hat sich letztlich gar nicht schlecht geschlagen und während die ersten, unkoordinierten Kicks, dem ganzen Aufwand keineswegs gerecht wurden, so zeigte das viele Training doch etwas Erfolg und das Team schaffte es bis ins Finale, wo es im Elfmeterschießen verlor. Während die einen wild jubelnd ihre Runden auf dem Platz drehten und ihre Spieler sowie Schulleiter auf den Händen trugen, waren meine Schüler am Boden zerstört und den sonst so starken und oftmals vorlauten Spielern kullerten Tränen aus den Augen.
Krankenhaus
Krankheiten und ihre Behandlungen sind ein großes und ewiges Thema in Togo, sowohl für die Bevölkerung, als auch für mich. Unfälle, Malaria, Fehl-/Unterernährung, Darmbakterien, Erbkrankheiten, Aids, Schwangerschaften,… es gibt viele Gründe für eine Ärztliche Behandlung, Vertreten durch Krankenhäuser, Apotheken und Féticheurs – Medizinmänner.
Ich komme doch öfter mit dem Gesundheitswesen in Kontakt, als ich es vorher erwartet hätte - regelmäßig bin ich auf die Arbeit der Krankenhäuser angewiesen. Hierbei handelte es sich ebenfalls um einen, vor meiner Abfahrt unbekannten Bereich. Wie wird die Versorgung aussehen, was kann alles passieren, wie hygienisch ist es dort, was gibt es dort an Medikamenten,… und vor allem, was ist mit Malaria? Das Thema, was mich am meisten beschäftigt hat.
In Kpalimé gibt es zwei Krankenhäuser, ein großes und ein sehr kleines. Arztpraxen, wie in Deutschland gibt es nicht, wenn irgendetwas ist, geht man ins Krankenhaus. Auf den Dörfern gibt es jedoch öfters kleine Arztstationen, zu klein um es noch Krankenhaus zu nennen. Bei mir um die Ecke, in Agou Nyogbo, ca. 6 entfernt steht das Hôpital Bethesda, mein aktuelles Krankenhaus des Vertrauens. Es ist ein für die Gegend riesiges Krankenhaus, wo des öfteren auch ausländische Ärzte Aufenthalte haben und worüber auch das Buch „Fufu ist keine Götterspeise“* von Dieter Jacobi entstand.
Eine allgemeine deckende Versorgung ist zumindest in dieser Region vorhanden, wobei zwischen den einzelnen Krankenhäusern noch große Unterschiede bestehen. Kleinere sind gerade mal mit ein paar Mikroskopen für einfache Analysen und im besten Fall Assistenzärzten und sonst nur Krankenpflegern ausgestattet und können somit die einfachen Standartbeschwerden versorgen. Größere, wie in Agou-Nyogbo, bestehen aus mehreren Stationen, besitzen moderne Röntgengeräte und sind auf größere Operationen eingestellt. Die Ärzte haben teilweise im Ausland studiert und kennen sich auf ihren Gebieten bestens aus.
Apotheken gibt es reichlich, allein in Agou-Gare, dem Dorf meiner Schule, gibt es vier kleine Depots für das Nötigste, in Kpalimé sogar mehrere größere Apotheken, die mit vielen Medikamenten und Materialien ausgestattet sind.
Einmal Bethesda und zurück
Wie in jedem Krankenhaus muss auch im Bethesda jeder Patient sich vor dem ersten Besuch ein kleines blaues Heftchen kaufen, worin alle folgenden Besuche protokolliert werden.
Als erstes erfolgt der Eingangscheck bei den Krankenschwestern. Sie nehmen das kleine Heftchen, tragen die Beschwerden des Patienten ein und nehmen routinemäßig Blutdruck, Puls, Gewicht und Temperatur ab. Heute leicht erhöhte Temperatur, aber das ist normal, Blutdruck und Puls in Ordnung, Gewicht ist auch unverändert. Meist ist es der Bauch, der Probleme macht.
Als nächstes geht es zum Arzt, der beurteilt die ganze Situation und schickt einen darauf zur Analyse, entweder ein Fingerpikser, für die Malariaschnellanalyse, eine Stuhlprobe, oder die Blutkomplettanalyse. Dies wird entsprechend im Heftchen notiert, dann wird erstmal bezahlt und die Analyse kann abgegeben werden. Kleinere Analysen können meist schnell, innerhalb einer Stunde wieder abgeholt werden, womit es dann erneut zum Arzt geht. Der nimmt sich das Heftchen, guckt sich das Ergebnis an: Formes végétatives et kystes d’Entamoeba histolytica +, zwei Amöben Arten, die dort nichts verloren haben und trägt einem Medikamente ein.
Was hast du zuletzt gegessen, auch mal rechts und links, sprich von einem Straßenstand? - Nein, das nicht, normales Essen in der Familie, Reis, Yams, davor Salat, - ahh, keine weiteren Fragen, der Salat mal wieder. Getrunken wird aber inzwischen kein Brunnenwasser mehr, oder? – Doch, aber es wird sowohl gekocht, als auch gefiltert, mehr geht nicht mehr. – Ok, komm in einem Monat wieder, zur Nachkontrolle und pass schön auf dich auf und komm danach erstmal nicht wieder vorbei. – Ich gebe mein Bestes.
Die letzte Station führt mich mit dem Heftchen zur Hausapotheke, dort stellt sich die spannende Frage, ob das Medikament gerade vorhanden ist oder nicht. Wenn ja, wird der Preis eingetragen, es kann bei der Kasse bezahlt werden und wieder zurück bei der Apotheke, kann das Medikament mitgenommen werden. Die Medikamente sind meistens nicht ohne, schnell werden irgendwelche Breitband-Antibiotika verschrieben und nicht selten mehrere Medikamente auf einmal. Andererseits sind die Ergebnisse und Krankheiten, mit denen man auftaucht, meistens ebenfalls nicht ohne, so dass eine vollständige Behandlung sehr wünschenswert ist, damit sich keine größeren Probleme entwickeln können.
Ich bin bei dem Arzt im Krankenhaus nun schon bestens bekannt, da bei jeder etwas länger anhaltenden Unregelmäßigkeit ich einen Abstecher zu ihm mache. Bei ihm fühle ich mich durchaus in guten Händen und vertraue auch auf seine großzügigen Medikamentenverschreibungen. Wenn ich meine Krankheiten mal in einem „Afrika-Gesundheitsreiseführer“ nachschlage, kann ich die größten Horrorgeschichten nachlesen und freue mich, noch am leben zu sein.
Das Vertrauen in die Ärzte und Laboranten ist für meinen Aufenthalt demnach elementar.
Auch Bedenken bezüglich mangelnder steriler Verhältnisse sind völlig unbegründet. Gerade die Krankenhäuser haben sich nun mal den großen Krankheiten zum Kampf gestellt und wollen auch vor allem im Bereich der Aufklärung (Sensibilisation) ihren Beitrag leisten, damit die Menschen erst gar nicht zu ihnen müssen. Da wäre es schon sehr paradox, wenn nicht jede Spritze, unaufgefordert vor meinen Augen geöffnet würde und danach in dem extra dafür vorgesehenen Mülleimer verschwindet.
Neben den teuflischen Krankheiten sind den Krankenhäusern die Féticheur ein Dorn im Auge, die bei der Bevölkerung durchaus hohes Ansehen genießen. Oftmals wird ein Féticheur zu erst aufgesucht, der mit Hilfe von Salben, Tänzen und Sprüchen große Krankheiten zu heilen weiß. Wenn nach mehreren Behandlungen, die stets aufs Neue Geld kosten, keine Besserung naht, ist es auch für das Krankenhaus oft schon zu spät.
*“Fufu ist keine Götterspeise“ von Dieter Jacobi, erschienen beim Westkreuz-Verlag, ISBN 3-929 592-68-1
Es ist schon etwas anderes, wenn man an den Schauplatz eines Buches selber gehen kann. Von 1980 – 1983 lebte und arbeitete der deutsche Chirug Dieter Jacobi genau hier in Agou, in dem Krankenhaus, wo ich mir nun regelmäßig meine Medikamente verschreiben lasse. Seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Eindrücke hat er im Jahre 2005 veröffentlicht. Zum einen ist es erschreckend, wie aktuell seine beschriebenen Problematiken sind und zum anderen interessant, seine Erlebnisse mit Heute zu vergleichen.
Die Beschreibungen der Mentalität über Lebensfreude und Gastfreundschaft, sowie die Angst zur Veränderung treffe ich heute ebenso an. Um den Menschen der Region und ihren Problemen näher zu kommen, ist dies eine optimale Lektüre, in der ich oft meine eigenen Gedanken wieder fand.
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